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Was ist Gravitation? Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie hat auf diese Frage eine ungewohnte Antwort parat, um die es in diesem Vertiefungsthema gehen soll: Zum Teil ist Gravitation eine Illusion, zum Teil assoziiert mit einer Eigenschaft namens "Krümmung". Insgesamt ist Gravitation ein Aspekt der Geometrie von Raum und Zeit.
Freier Fall
Eine wichtige Besonderheit der Gravitationskraft ist, dass sie alle
Körper (genauer: alle Testkörper)
gleich schnell fallen lässt. Eine Feder und eine Kanonenkugel
fallen mit haargenau derselben Beschleunigung zu Boden (zumindest in einem
Vakuumbehälter, in dem es keine Luftreibungskräfte gibt).
Das heißt umgekehrt, dass es für einen Forscher, der in einer
fensterlosen Kabine eingeschlossen ist, unmöglich ist, festzustellen,
ob sich die Kabine im leeren Weltraum befindet, fernab aller
Gravitationsquellen, oder aber im freien Fall in einem konstanten
Schwerefeld. In beiden Situationen schwebt der Forscher schwerelos in der
Kabine.
Wir kennen diese Situation von den irdischen Raumfahrern, die sich
schließlich mitnichten aus dem Einflussbereich der Erd- oder
Sonnenschwerkraft entfernen, sondern sich in besonderen Spielarten des
freien Falls befinden, etwa in einer Umlaufbahn um die Erde. Das folgende
Foto etwa zeigt den Wissenschaftsastronauten C. Michael Foale an Bord
der internationalen Raumstation ISS
mit zwei freischwebenden Grapefruits.

[Bild: NASA]
Unter diesen Umständen sollte sich die Physik in der frei fallenden
Kabine mit den Gesetzen der Speziellen Relativitätstheorie beschreiben lassen - denselben Gesetzen, wie sie für Beobachter gelten, die fern aller Gravitationsquellen im freien Raum schweben. (Diese Aussage ist auch als Äquivalenzprinzip bekannt; weitergehende Informationen bietet das Vertiefungsthema Kabine, Schwerkraft und Rakete: Das Äquivalenzprinzip.)
Ist die Gravitation damit nur eine Scheinkraft? Für die fast
konstante Schwerkraft, die wir auf der Erdoberfläche gewohnt sind,
könnte man so argumentieren, denn drehen wir den Spieß einmal
um und stellen uns die hier skizzierte Situation vor:
Nehmen wir an, wir gehörten zur Besatzung der Raumstation, die rechts zu sehen ist, und die fernab aller Gravitationsquellen frei durch den Weltraum treibt. Nun kommt, links zu sehen, ein Beobachter auf einer raketenbetriebenen Raumstation daher, die mit 9,81 Meter pro
Sekundenquadrat beschleunigt wird. Ein Beobachter auf der
beschleunigten Raumstation fühlt sich bei diesem Beschleunigungswert
genauso schwer wie wir auf der Erdoberfläche: Auch die
Schwerebeschleunigung, mit der Objekte nahe der Erdoberfläche zu
Boden fallen, beträgt 9,81 Meter pro Sekundenquadrat.
Genau wie für einen Erdbewohner gibt es für diesen Beobachter ein ganz klares Unten und Oben - Unten ist, wohin alle Körper fallen, und Oben ist die Gegenrichtung. Wenn er in seiner raketenbetriebenen Station nach oben schaut, sieht der Beobachter die
anderen Raumstationen so schnell in Richtung des Bodens seiner eigenen
Raumstation "fallen", wie wir Objekte in Richtung Erdboden fallen sehen.
Und dennoch ist in dieser Situation nirgends Schwerkraft am Werk. Die
Beobachter in den frei treibenden, unbeschleunigten Raumstationen sind
sich einig: Allein der Umstand, dass der betreffende Beobachter die
Welt von einem beschleunigten Bezugssystem aus betrachtet, ist Schuld
daran, dass es für ihn so aussieht, als würden alle Objekte
"zu Boden fallen", und sein "Oben" ist gerade die Richtung, in welche die Rakete beschleunigt wird.
Sobald das Raketentriebwerk abgeschaltet wird, ist der Spuk vorbei, und kein Objekt "fällt" mehr nach unten.
Verhält es sich mit der Schwerkraft auf der Erde genauso? Ist
sie letztendlich nur eine Folge des unnatürlich-beschleunigten
Bezugssystems, von dem aus wir die Welt beobachten - und verschwindet,
sobald wir zu einem frei fallenden Bezugssystem übergehen?
Was an Schwerkraft übrig bleibt
Tatsächlich lässt sich die Schwerkraft der Erde auch beim
Übergang in ein frei fallendes Bezugssystem nicht vollständig
beseitigen (sie lässt sich
nicht "wegtransformieren", wie Physiker sagen würden).
Um das zu sehen, betrachten wir eine frei fallende, aber gigantisch
große Kabine, und darin schwebend zwei riesige Bälle. Was passiert,
wenn diese Kabine Richtung Erde fällt, zeigt die folgende Animation:
Hier wirkt sich aus, dass Körper, die auf die Erde zu fallen,
nicht in ein und dieselbe Richtung fallen ("unten"), sondern auf ein
und denselben Raumpunkt zu, nämlich den Erdmittelpunkt. Selbst
aus Sicht des mit der Kabine frei fallenden Beobachters wirkt sich die
Erdschwerkraft daher ein wenig aus. Den Fall der Bälle nach unten
bekommt dieser Beobachter
zwar nicht mit, da er selbst in seiner Kabine nebenherfällt. Dass sich
die beiden Bälle dabei etwas näher kommen, sieht er dagegen sehr
wohl.
Grund des Näherkommens ist, dass die Schwerkraft, die auf den linken
Ball wirkt, eine etwas andere Richtung hat als die auf den rechten.
Für die Annäherung verantwortlich ist die Differenz der
beiden Kräfte, eine sogenannte Gezeitenkraft. (Namensgebend
ist dabei der leichte Kraftunterschied, mit dem die Gravitationskraft des
Mondes auf die Erde, auf die dem Mond zugewandten und die ihm
abgewandten Ozeane wirkt - dieser Kraftunterschied ist verantwortlich
für die Gezeiten, für Ebbe und Flut.)
Noch drastischer werden die Auswirkungen der Schwerkraft, wenn ein
Kabinenbewohner seine Beobachtungen auf diejenigen Körper ausdehnt,
die sich auf der anderen Seite der Erde befinden. Sicher, die direkt
neben ihm fallenden Körper verhalten sich so, als gäbe es keine
Schwerkraft. Doch die Körper auf der anderen Seite der Erde fallen
sogar mit dem Doppelten der üblichen Schwerebeschleunigung auf solch
einen Beobachter zu!
All das zeigt die Unterschiede zu der im letzten Abschnitt behandelten
Situation eines beschleunigten Beobachters im gravitationsfreien Raum auf.
Solch ein Beobachter musste nur sein Bezugssystem wechseln - das
Raketentriebwerk seiner Raumstation abschalten - und schon verschwand das,
was er vorher als konstante "Schwerkraft" wahrgenommen hatte. Die
Erdschwerkraft dagegen lässt sich durch den Übergang in ein
frei fallendes Bezugssystem nicht vollständig zum verschwinden
bringen. In einer kleinen, frei fallenden Kammer, in der wir das Geschehen nur
eine kurze Zeit verfolgen, ist der
Unterschied zum gravitationsfreien Raum zwar verschwindend gering. Doch je
größer der betrachtete Raumzeitbereich ist, je größer unsere
Fahrstuhlkabine ist, je länger wir beobachten, umso deutlicher werden die Gezeitenkräfte - der
auch im freien Fall nachweisbare "Rest an Schwerkraft".
Papier und Kugel
Bemerkenswerterweise gibt es zu dieser Doppelnatur der Gravitation - zum Teil eine Scheinkraft, zum Teil eine Gezeitenkraft - eine Entsprechung in der reinen Mathematik, genauer: in der Geometrie verzerrter oder gekrümmter Flächen.
Die einfachste zweidimensionale Oberfläche ist die flache Ebene - das
unendlich ausgedehnte Analogon eines flachen Blattes Papier.
Die kürzeste Verbindung zweier Punkte in der Ebene ist ein
Wegstück entlang der Geraden, auf der die beiden Punkte liegen.
Aus solchen geraden Strecken
lassen sich geometrische Figuren zusammensetzen, etwa
Dreiecke. Für sie gelten die Beziehungen der ebenen Geometrie, wie
sie die meisten Leser aus der Schule kennen dürften - vom
Strahlensatz über den Satz des Pythagoras bis hin zu dem Umstand, dass die Winkelsumme in jedem Dreieck
180 Grad beträgt:
Doch eine perfekte Ebene ist nur der einfachste Fall einer Fläche. Allgemeinere
Oberflächen, etwa eine Kugelfläche, eine Sattelfläche,
oder die sanft gewellte Fläche, die zurückbleibt, wenn sich bei Ebbe
das Wasser aus dem Wattenmeer zurückgezogen hat, haben nicht
mehr dieselben geometrischen Eigenschaften wie eine Ebene.
Ein Beispiel für eine Fläche, die nicht
eben, sondern gekrümmt ist, ist die Oberfläche einer Kugel.
In einer Kugeloberfläche gibt es keine Geraden, allenfalls
geradestmögliche Kurven. Solche geradestmöglichen Kurven in
einer Fläche werden Geodäten genannt.
Im Falle der Kugel sind die Geodäten die so genannten
Großkreise
(beispielsweise der Äquator). Die kürzeste
Verbindung zwischen zwei Punkten auf der Kugeloberfläche
führt entlang des Großkreises,
entlang der Geodäte, auf der die beiden Punkte liegen.
Die folgende Abbildung zeigt eine Kugel sowie, in grün, ein durch
Geodätenabschnitte gebildetes Dreieck:
Allein die zwei rechten Winkel am Äquator (rote Linie) addieren
sich schon zu 180 Grad. Die Winkelsumme des gesamten Dreiecks, bei der
noch der Winkel an der Dreiecksspitze am Nordpol hinzukommt, ist somit
deutlich größer als 180 Grad. Tatsächlich lässt sich
mit Hilfe dieses Winkelüberschusses ein exaktes Maß für
die Krümmung der Kugel (und damit der Abweichung ihrer Geometrie von
jener der Ebene) definieren.
Wo ist die Krümmung?
Trotz der Unterschiede zwischen den verschiedenen Geometrien - hie die Ebene, dort gekrümmte Flächen - gilt ganz allgemein folgendes: Wenn man beispielsweise einen winzig kleinen
Oberflächenausschnitt einer Kugel mit der Lupe betrachtet, dann ist
er kaum zu unterscheiden von einer kleinen Region eines flachen Blattes
Papier. Wir nutzen diesen Umstand fast täglich aus - einen Stadtplane, der nur einen winzigen Ausschnitt der Erdoberfläche zeigt, erstellen und lesen wir so, als habe die Stadtfläche dieselbe Geometrie wie das flache Blatt Papier, auf das der Plan gedruckt ist:
Diese Vorgehensweise ist durchaus erfolgreich, obwohl unsere Städte in Wirklichkeit nicht auf einer gigantischen Ebene, sondern auf der Oberfläche einer gigantischen Kugel angesiedelt sind. Erst bei größeren Oberflächenregionen macht sich bemerkbar, dass die Kugel gekrümmt ist; je ausgedehnter die Region, umso deutlicher merkbar die Krümmung.
Dasselbe gilt für jede glatte, gekrümmte Oberfläche: ein winziger
Ausschnitt dieser Oberfläche ist von einem Ebenenabschnitt so gut wie
nicht zu unterscheiden. Das ist exakt analog zu den Eigenschaften der
Schwerkraft, die in den letzten beiden Abschnitten behandelt wurden: In
einer sehr kleinen Raumzeitregion, der Kabine eines Beobachters etwa,
der für eine gewisse Zeit frei fällt, ist von der Schwerkraft fast
nichts zu merken. Das Kabineninnere ist von einem Ausschnitt aus der
gravitationsfreien Raumzeit der speziellen Relativitätstheorie nicht
zu unterscheiden. Erst in einem größeren Raumzeitausschnitt,
etwa einer Kabine von riesenhaften Ausmaßen, zeigt sich, dass die
betrachtete Raumzeit von der gravitationsfreien, "flachen" Raumzeit
abweicht.
Einstein nahm diese Analogie ernst, und es gelang ihm, tatsächlich eine
geometrische Gravitationstheorie auszuarbeiten.
Die Geometrie der Gravitation
In der flachen Raumzeit, der gravitationslosen Raumzeit der Speziellen Relativitätstheorie, bewegen sich Körper, auf die keine äußeren Kräfte wirken, auf "Raumzeitgeraden": sie laufen mit konstanter Geschwindigkeit entlang gerader Bahnen.
Bringen wir jetzt die Gravitation ins Spiel, etwa indem wir eine massereiche Kugel in unseren Raum setzen.
Im Newtonschen Bild der Gravitation übt die Kugel auf sie umgebende kleine Testkörper eine Kraft aus, die diese Testkörper von ihren Raumzeitgeraden ablenkt, indem sie ihre Bahnkurven in Richtung auf die Zentralmasse hin verbiegt und die Testkörper in diese Richtung beschleunigt.
In Einsteins geometrischer Theorie der Gravitation dagegen bewirkt diese Masse eine Verzerrung der
Raumzeit: War die gravitationsfreie Raumzeit (jene der speziellen Relativitätstheorie) flach, ist die Raumzeit in Anwesenheit dieser Masse gekrümmt. In dieser gekrümmten Raumzeit gibt es keine
Raumzeitgeraden mehr, ebenso wenig wie es auf der Oberfläche einer Kugel Geraden gibt. Es gibt lediglich Geodäten, geradestmögliche Raumzeitbahnen. Testkörper in der Umgebung der Zentralmasse folgen den geradestmöglichen Bahnen in der durch die Masse gekrümmten Raumzeit. Die Gravitation lenkt
Testkörper nicht von ihren geraden Bahnen ab - sie verzerrt Raum und Zeit und definiert damit neu, was es bedeutet, sich auf einer geradestmöglichen Bahn zu bewegen.
Einsteins Universum ist damit ein steter Reigen, bei dem Materie und Raumzeit sich gegenseitig beeinflussen: Eine gegebene Materieanordnung verzerrt die Geometrie der Raumzeit; die Geometrie der Raumzeit bestimmt,
wie sich die Materie weiterbewegt. Entsprechend der durch die Bewegung leicht veränderten Materiekonfiguration verändert sich auch die Raumzeitgeometrie, diese veränderte Geometrie beeinflusst die weitere Bewegung der Materie nun etwas anders als vorher, und so weiter, und so fort.
Was also ist Gravitation, in Einsteins Universum? Allgemein gesprochen: jede Verzerrung der Geometrie von Raum und Zeit. Genauer betrachtet hat die Gravitation zwei Seiten. Ein Teil der Gravitation ist ein Artefakt, abhängig vom Bezugssystem des jeweiligen Beobachters. Dieser Teil der Gravitation lässt sich zum Verschwinden bringen, wenn man zu einem frei fallenden Bezugssystem übergeht. Was wir hier auf der Erde an Gravitationseffekten beobachten können - im wesentlichen: Körper, die zu Boden fallen - gehört zu dieser Art von "relativer Gravitation". Der Rest an Gravitation, man könnte ihn "intrinsische Gravitation" nennen, macht sich durch Gezeitenkräfte bemerkbar und hängt direkt mit einer ganz bestimmten geometrischen Eigenschaft zusammen: der Krümmung der Raumzeit.
[Markus Pössel, AEI]
Dieses Vertiefungsthema ergänzt die Ausführungen im Kapitel Allgemeine Relativitätstheorie von Einstein für Einsteiger.
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