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Nach dem Urknall war das Universum etwa 400.000 Jahre lang so
heiß, dass es keine stabilen Atome gab. Stattdessen war das
Universum mit einem Plasma aus Elektronen und Atomkernen gefüllt.
Daneben gab es Photonen, Dunkle Materie und außerdem eine Reihe
anderer Elementarteilchen, die wir im folgenden aber vernachlässigen können. Die
Dunkle Materie beeinflusst die anderen Materiekomponenten nur
vermittels der Schwerkraft. Die Photonen und die elektrisch geladenen
Teilchen - eben die Elektronen und Atomkerne - wurden durch die
elektromagnetische Wechselwirkung eng aneinander gebunden. Als Folge davon war das Universum so lange undurchsichtig, bis es soweit
abgekühlt war, dass Elektronen und Atomkerne sich zu Atomen
vereinigen konnten.
Die Dunkle Materie war bereits vergleichsweise kurz nach dem
Urknall ungleichmäßig verteilt. Es gab Gebiete leicht
erhöhter und solche leicht verringerter Dichte. Aus diesen
Unregelmäßigkeiten entstanden letztlich unsere heutigen
kosmischen Strukturen wie zum Beispiel Galaxien und Galaxienhaufen. Doch bereits
damals hatten die Dichteschwankungen wichtige Auswirkungen: Sie führten zu Schwingungen im kosmischen Plasma.
Oszillierendes Plasma
Zu solchen Schwingungen kam es, da die etwas erhöhte Anziehungskraft der dichteren Gebiete das Plasma in der betreffenden Raumregion etwas verdichtete. Diese Verdichtung führte zu
erhöhtem Druck, der vor allem durch die Photonen verursacht, aber
durch deren enge Wechselwirkung mit den geladenen Teilchen auch dem
kosmischen Plasma mitgeteilt wurde. War er hoch genug, konnte der
Druck das Plasma wieder auseinandertreiben, wodurch der Druck sank und
der Einfluss der Schwerkraft das Plasma erneut verdichten konnte. Die
so entstandenen Schwingungen breiteten sich in die Umgebung der
Verdichtungen aus. Wegen ihrer Ähnlichkeit zu Schallwellen werden
sie auch "akustische Schwingungen" genannt: Auch Schallwellen sind
sich fortpflanzende, periodische Verdichtungen der Luft.
Die Geschwindigkeit, mit der sich Schallwellen ausbreiten, ist die
Schallgeschwindigkeit cs, die im jungen Universum
etwa 60% der Lichtgeschwindigkeit betrug. Die Schallgeschwindigkeit
bestimmt nicht nur, wie schnell ein bereits vorhandenes
Verdichtungsmuster durch den Raum läuft, sondern auch, wie lange
es dauert, bis eine Region bestimmter Größe insgesamt ins
Schwingen gerät: Wenn L die Ausdehnung einer Verdichtung
ist, dauert es eine Zeit L/cs, bis sich eine
Schwingung ausbilden kann, bei der sich alles darin enthaltene Plasma
synchron verdichtet und verdünnt.
Daraus ergibt sich eine Obergrenze für die Größe
solcher Dichtestörungen, die überhaupt schwingen konnten,
denn das kosmische Plasma hatte nur etwa 400.000 Jahre Zeit, ins Schwingen zu geraten. Als sich dann die Atome bildeten, entfiel die enge Kopplung mit den Photonen: Mit der Bildung neutraler Teilchen verschwanden die freien elektrischen Ladungen, die vorher dafür gesorgt hatten, dass die Photonen laufend von den Materieteilchen absorbiert und wieder abgestrahlt wurden. Damit fiel der Druck im kosmischen Material schlagartig ab, und die Schwingungen hörten auf.
In diesen 400.000 Jahren konnten sich im jungen Universum allenfalls Schwingungen von 230.000 Lichtjahren oder etwa 70.000 parsec Ausdehnung bilden. Verdichtungen, die größer
waren, konnten gar nicht erst zu schwingen anfangen. Diese Obergrenze wird als "Schallhorizont" bezeichnet.
Was bedeutet das für die Kosmologie?
Für die Kosmologie sind diese Schwankungsprozesse unter
anderem deswegen interessant, da wir heute nachmessen können, wie
groß uns dieser Schallhorizont am Himmel erscheint. Die
Photonen, die frei gesetzt wurden, als das kosmische Plasma in stabile
Atome überging, umgeben uns heute als kosmische
Mikrowellen-Hintergrundstrahlung. Sie stellt daher eine Art
Schnappschuss des frühen Kosmos dar. Sie ist eine Wärmestrahlung - eine einzige Größe, die Temperatur
der Strahlung, reicht aus um ihr Spektrum vollständig zu
beschreiben (weitere Informationen zu dieser Art von Strahlung bietet
das Vertiefungsthema Warum man
Wärme sehen kann).
Die Schallwellen im kosmischen Plasma erzeugten kleine
Temperaturschwankungen im kosmischen Mikrowellenhintergrund. Je
nachdem, in welche Himmelsrichtung wir blicken, kann die Strahlungstemperatur einige hundert- bis zehntausendstel Kelvin (oder, äquivalent, Grad Celsius)
höher oder niedriger sein. Diese Temperaturschwankungen
können die Astronomen genau vermessen, beispielsweise mithilfe
des amerikanischen Satelliten WMAP, der das folgende Bild geliefert
hat:

[Bild: NASA und WMAP Science Team]
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Die Himmelskarte ist auf diesem Bild ähnlich abgebildet wie
die Erdkugel auf einer Landkarte. Bläuliche Regionen zeigen eine
niedrigere, rötliche eine höhere Temperatur der
Hintergrundstrahlung an.
Von besonderem Interesse dabei ist, dass die ausgedehntesten
Schwankungen, die von den akustischen Schwingungen her rühren,
gerade die Größe des Schallhorizonts anzeigen. Das in der
Karte sichtbare Muster entsteht durch eine Überlagerung von
Schwankungen verschiedener räumlicher Größe, entsprechend all den im jungen Universum möglichen Plasmaschwingungen. Durch eine sorgfältige Datenanalyse, die ganz
ähnlich wie eine Frequenzanalyse bei normalen Schallwellen
verläuft, kann man aus der Karte herauslesen, welchen Anteil die
Schwankungen verschiedener Größe am Gesamtmuster haben. Die
Ausdehnung der räumlich größten Schwankung, die dabei
auftritt, liefert gerade den Schallhorizont.
Was wir in dieser Weise am Himmel messen können, ist aber nur
die Winkelgröße des Schallhorizonts. Andererseits
kennen wir seine absolute Größe, nämlich die bereits
erwähnten rund 230.000 Lichtjahre. Für die Kosmologen ist
das eine hochinteressante Kombination: Aus dem Vergleich der
Winkelgröße und der absoluten Größe kann direkt
abgelesen werden, wie das Universum gekrümmt ist - ob es flach,
kugelartig oder sattelartig ist (mehr Informationen zu diesen
Möglichkeiten bietet das Vertiefungsthema Die Form des Raums).
In dem uns vertrauten flachen Raum kennen wir den Zusammenhang: Die
Winkelgröße einer festen absoluten Länge, etwa eines
Metermaßes, nimmt mit dem Abstand linear ab - zumindest, wenn
der Winkel klein ist. Die folgende Abbildung zeigt den Zusammenhang
zwischen der Länge L des Metermaßes, des Abstandes und des
Winkels α, unter dem das Metermaß erscheint. Die roten
Geraden sind die Lichtstrahlen, die uns von beiden Enden des
Metermaßes erreichen:
Anders verhält es sich, wenn der Raum positiv gekrümmt
ist, analog zu einer Kugeloberfläche. Dann laufen die zwei
Lichtstrahlen nicht mehr wie im flachen Raum linear voneinander weg,
sondern sind aufgrund der Krümmung leicht aufeinander zu
gebogen, wie in der folgenden Abbildung zu sehen ist:
Daher erscheint uns das Metermaß in einem positiv
gekrümmten Raum bei gleicher Entfernung größer,
entsprechend einem größeren Winkel α.
Umgekehrt ist es in einem negativ gekrümmten Raum. Dort laufen
Lichtstrahlen stärker als im flachen Raum auseinander, weshalb
der Meterstab bei gleicher Entfernung unter einem kleineren Winkel
α erscheint, wie hier zu sehen ist:
Das Prinzip, wie die Krümmung des Raumes aus dem
Mikrowellenhintergrund abgelesen werden kann, ist daher denkbar
einfach: Wir kennen die absolute Größe der
größten Schallwellen im frühen Universum, und wir
können ihre Winkelgröße am Himmel genau messen.
Die Entfernung zum Mikrowellenhintergrund lässt sich ebenfalls berechnen: Wir wissen, bei welcher Temperatur er freigesetzt wurde, und wir können seine heutige Temperatur messen. Aus dem Verhältnis dieser beiden Temperaturen folgt direkt, um wieviel das Universum von damals bis heute expandiert ist, und aus dieser Information wiederum lässt sich direkt die für die Bestimmung von Winkelgrößen wichtige Entfernung bestimmen.
Aus dem Vergleich von absoluter und Winkelgröße der Schallwellen folgt unter Einbeziehung dieser Entfernung unmittelbar die Krümmung des Raums. Auf diese Weise wurde festgestellt, dass der Raum mit hoher Genauigkeit flach sein muss.
[Matthias Bartelmann, Zentrum für Astronomie der Universität Heidelberg]
Die relativistischen Grundkonzepte, die diesem Vertiefungsthema zugrundeliegen,
werden in
Einstein
für Einsteiger erklärt, insbesondere im Abschnitt Kosmologie.
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